Reiseberichte - afrika
Niger: Die letzten Karawanen
Text und Fotos: Prof. Hans Först
Mechanisch setzt Agli Schritt für Schritt. Gleißende Helle, Himmer und Sand blenden gleichermaßen. Die Augen brennen, die Füße schmerzen. Der Sand reflektiert die Hitze in pulsierenden Wellen, die weite, gleichförmige Ebene verschwimmt am Horizont in einem bleifarbenen Himmel. Eine Weite, die für uns Europäer kaum vorstellbar ist. Hitze und Licht. Nur das sanfte Schaben der Kamelhufe auf dem Sand, das Scheuern der Stricke und das Gluckern des Wassers in den Ziegenledersäcken unterbricht manchmal die absolute Stille.
Endlos dehnen sich die Stunden. Agli hat jedes Zeitgefühl verloren. Seine Gedanken kreisen um den kühlen Abend, wenn die Sonne ihre mörderische Kraft verliert, die Schatten der Kamele länger werden und Sand und Dünen wieder Farbe und Struktur gewinnen. Manchmal erscheinen silberglänzende, blaue Seen und Flüsse am Horizont. Dann denkt er an das Wadi von Timia im Air-Gebirge, woher er stammt, an die schattigen Gärten mit Datteln, Orangen und Granatäpfel, an sein Zelt aus geflochtenen Matten und an das knarrende Geräusch der Rolle, wenn der volle Ledersack mit dem kühlen Wasser aus dem Brunnen gezogen wird. Er träumt von seiner Familie und von dem Tende, dem großen Fest, das man in Timia feiern wird, wenn die Karawane zurückkehrt. "Inschallah", denn wer in der Wüste überleben will, muß vieles als Fügung des Schicksals akzeptieren.
Agli ist mit seinen acht Kamelen Teil einer Karawane, die aus 164 Tieren und zwölf Männern besteht. Die braunen, meist gefleckten Lastkamele sind besonders widerstandsfähig und unterscheiden sich stark von den eleganten weißen, die beim Tende zum Rhythmus der Trommeln und dem Gesang der Frauen dem kleinsten Impuls ihrer Reiter folgen. Zwei, manchmal drei langgezogene Kamelreihen ziehen parallel nach Osten, jedes Tier ist an das vorausgehende gebunden. Sie ziehen durch die Grenzenlosigkeit der Wüste Ténéré nach Osten, nach Bilma.
Nur am frühen Nachmittag, wenn die Hitze unerträglich wird, steigen einige der Karawanenleute auf ihre Kamelen und dösen durch die grenzenlose Monotonie der Sandwüste vor sich hin. Vorne marschiert Arali. Als Führer, als "Madugu" trägt er allein die Verantwortung. Er muß den Weg finden in einer Landschaft, die keine markanten Orientierungspunkte hat. Er richtet sich nach der Sonne, den Sternen und den westwärts verlaufenden Dünenkämmen in der endlos scheinenden Ténéré, einer Wüste, die schon vielen Tuareg den Tod gebracht hat. Die Reihe der Kamele bewegt sich sanft, mit regelmäßigen und sparsamen Bewegungen. "Die Karawane hält nicht an", ist oberstes Gesetz. Kamele rempeln und stoßen einander oder verheddern sich in den Stricken, bevor sie zum Stehen kommen, manche lassen sich vor Müdigkeit nieder, andere fressen von den Heuballen, die ihre Nachbarn tragen. Noch länger dauert es, die Kamele, die sich mit Gebrüll gegen ihre Lasten wehren, wieder zu beladen und die Karawane wieder in Gang zu bringen. Jede nicht geplante Verzögerung kann tödlich enden, denn bei jedem Halt gehen kostbare Kräfte verloren, jede Anstrengung kostet Wasser, und Wasser bedeutet Leben. "Aman iman", nur ein Laut unterscheidet die Tuaregworte für Wasser und Leben.
60, 70 km am Tag, 14 - 16 Stunden ohne Halt. Die Männer müssen im Gehen trinken und ihren Hirsebrei mit Ziegenkäse oder Datteln essen. Der kurze Schlaf gleicht eher einer Ohnmacht. Noch im Dunklen werden die störrischen Kamele wieder beladen. Jeder Salzstock muß mit aus Dumpalmfasern geflochtenen Matten umwickelt und festgezurrt werden. Was unterwegs zerbricht, verliert stark an Wert.
Jedes Jahr von November bis Februar ziehen die Tuareg aus dem Air-Gebirte nach Fachi oder Bilma. 500 km liegen zwischen dem Gebirge und der Oase im Osten, 400 km davon Sandwüste mit nur zwei Wasserstellen, eine Gewalttour für Mensch und Tier. Vom "Sandstrahlgebläse" blankgefegte Kamelskelette zeugen ´von der Härte.
Nur diese "Handelsreisen" zwischen dem Air, den Ténéréoasen und dem Haussaland sichern den Tuareg das Überleben. Ihre kleinen Gärten im Air, die ständig bewässert werden müssen, und ihre Schafe und Ziegen, die von den wenigen Regenfällen abhängig sind, würden nicht ausreichen. Die Karawanen bieten auch eine gewisse Sicherheit in Dürrezeiten. Fällt kein oder nur wenig Regen, verbringen die Kamele nur wenige Monate im Air, den Rest des Jahres dagegen im Haussaland im Süden.
In Fachi und Bilma tritt als Folge einer geologischen Verwerfung salzhaltiges Grundwasser an die Oberfläche. Kanuri und Tubu graben Löcher, die sich mit Wasser füllen, weiß, zitronengelb, violett, braun, je nach den beigemischten Mineralien, wie riesige Malkästen. Durch die starke Sonneneinstrahlung kristallisiert Salz an der Oberfläche aus. Die an eine Eiskruste erinnernde Schicht wird immer wieder zerschlagen, damit die Verdunstung nicht behindert wird. Nach etwa zwei Wochen hat sich am Grunde der Tümpel eine dicke Salzschicht gebildet, die herausgeschöpft und getrocknet wird. "Geerntet" wird zwischen April und September, dann heizt die Sonne die Luft bis auf 70° Celsius auf, und die heiße Sole verätzt die Haut der Arbeiter, die ungeschützt darin waten.
Salz in einem ausgehöhlten Dattelpalmstrunk zu konischen, säulenförmigen Kantus gepreßt, jeder etwa 20 kg schwer, ist seit dem 13. Jahrhundert eines der begehrtesten Handelsgüter, lebenswichtig für die Viehherden am Südrand der Sahara.
Den Transport besorgen die Salzkarawanen der Tuareg. Ihre Kamele sind auf dem Weg nach Osten mit Hirse, Tee, Gewürzen für Soßen und Zuckerhüten beladen. Hirse ist die Hauptnahrung der schwarzen Kanuri und Tubu in den Oasen der Ténéré. Dafür tauschen sie in Fachi und Bilma Salz und zusätzlich noch Datteln.
Jeder Kamelbesitzer handelt getrennt und auf eigene Rechnung. Die Tauschkurse sind fix. Das Geschäft ist fest in den Händen der Frauen. Hirse und Datteln werden mit Schüsseln aus Email gemessen. Ein Maß Hirse für zwei Maß Datteln, drei Maß Hirse für einen Kantu. 4 - 6 Kantu, 80 - 120 kg muß jedes Kamel tragen, dazu noch Proviant, Wassersäcke und Heuballen. Je nach Geschick können die Tuareg ihren Einsatz verdrei- bis vervierfachen. Etwa sechs Wochen dauert der Marsch vom Air nach Bilma und dann nach Süden mit nur wenigen Tagen Rast, denn die Futtervorräte sind knapp.
Die Lebensgemeinschaft zwischen Oasenbewohnern, Nomaden und Rinderzüchtern funktionierte viele Generationen lang, jeder hatte seinen Vorteil. Seit aber der Regen immer unregelmäßiger fällt und manchmal ganz ausbleibt, die Herden im fernen Sahel verhungern und der Hirsepreis stark gestiegen ist, stapeln sich die Kantus. Statt der zwanzig- bis dreißigtausend Kamele wie früher kommen nur mehr einige hundert.

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