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Schmuck in Tibet

Text © Prof. Hans Först

2014 soll das berühmte Reiterfest in Jyekundo wieder durchgeführt werden (Programm: Amdo-Kham Durchquerung, Juli 2014).Eine einmalige Gelegenheit für Fotografen. Denn nur bei Festen bekommt man heute noch eine Vorstellung von dem prächtigen Schmuck, der einst getragen wurde und von dem nur mehr Reste vorhanden sind. Vieles ging nach 1959 verloren, während der Kulturrevolution war Schmuck überhaupt verboten. Jetzt jedoch fehlen die materiellen Mittel und auch die handwerklichen Möglichkeiten, diese Verluste wieder auszugleichen. Billiger chinesischer Schmuck und schlechte Imitate treten vielerorts an ihre Stelle, aber auch das ist ein Beweis für das Überleben des Traditionsbewusstseins und der tibetischen Identität.

Schmuck bedeutet in allen Himalayaländern vor allem für Frauen mehr als nur Zierde: Schmuck gibt Hinweise auf die regionale Herkunft, zeigt die soziale Stellung der Trägerin, ist eine Art Sparbuch und bietet darüber hinaus Schutz gegen Geister und Dämonen, da verschiedenen Steinen magische Kräfte zugeschrieben werden. Obwohl der Erwerb von Schmuck meist Angelegenheit des Mannes ist, gehört er anschließend der Frau und trägt zur materiellen Absicherung beim Tod des Ehemannes bei.

Türkise, Korallen und Bernstein sind am beliebtesten und in ihrer Schutzfunktion am stärksten. Die besten Türkise werden aus dem Iran importiert, sie werden jedoch auch in Tibet gefunden. Die tiefblauen gelten als besonders wertvoll. Blau ist die Farbe des Elements Äther und des Wassers.

Ein Türkis gilt auch als Sitz der Schattenseele La. Schattenseele ist ein Begriff aus dem Volksglauben. Der Buddhismus kennt ja keine Einzelseele, wiedergeboren wird nur das Bewusstsein mit den karmischen Kräften des jeweiligen Wesens. Die Schattenseele kann den Träger zeitweise verlassen. Dann ist sie jedoch den Einflüssen der Geister ausgesetzt, sie kann verletzt oder gar geraubt werden, und das wirkt sich beim Besitzer in körperlichen oder geistigen Schäden aus. Um die Schattenseele an die Person zu binden, trägt jeder Tibeter um den Hals, im Haar, im Ohr, am Amulettkästchen oder Feuerzeug einen Türkis. Verheiratete Frauen in Zentraltibet trugen früher als magischen „Scheitelschutz“ am Hinterkopf silberne Schmuckplatten mit Türkisen und Korallen, die ins Haupthaar eingeflochten waren. Ein Türkis in einem Schmuckstück am Körper soll auch verhindern, als Esel wiedergeboren zu werden.

Das Rot der Koralle steht für das Element Feuer und für Licht, für die Förderung der Lebenskräfte und für langes Leben im Allgemeinen. Die Koralle wirkt auch blutstillend und blutkräftigend und soll Menstruationsprobleme verringern.

Schon Marco Polo erwähnte im 13. Jhdt. die starke Nachfrage der Tibeter nach Korallen, die vom Indischen Ozean und Persischen Golf, aber auch vom östlichen Mittelmeer von Händlern in den Himalaya transportiert wurden. Wird auf Schmuckstücken das Blau des Himmels und Wassers mit dem Rot des Feuers zusammengebracht, verstärkt das die magischen Kräfte.

Bernstein, kein Edelstein, sondern verfestigtes Harz, stammt von der Ostsee und schützt vor Gelbsucht. Sein Gelb ist die Symbolfarbe der Erde.

Perlen wurden im tibetischen Kulturraum nur von Frauen getragen. Die kleinen, unregelmäßig geformten Süßwasserperlen stammten aus den Flüssen Südosttibets; Salzwasserperlen kamen wie Korallen aus dem Indischen Ozean und Persischen Golf.

Keinem Schmuckstein jedoch wird so viel magische Kraft zugeschrieben wie dem Gzi. Es ist ein walzen- oder zylinderförmiger, bis zu sieben Zentimeter langer Stein von dunkel- bis hellbrauner Farbe. Das Braun wird von hellen Zeichnungen durchzogen, die Vierecke oder Ringe bilden können, welche Augen genannt werden. Je mehr Augen, desto höher der Wert! Gzi sind immer durchbohrt und werden sehr oft als Mittelsteine neben Korallen und Türkisen an einer Schnur oder Kette um den Hals oder an der Brust getragen. Pulverisiert werden sie Kranken als Medizin gegeben. Wegen ihres beachtlichen Preises werden sie häufig aus Glas und Plastik imitiert.

Für Tibeter ist ihre überirdische Herkunft unbestritten. Legenden berichten über ihre Herkunft. Sie seien Schmucksteine der Berggöttinnen gewesen, die jeweils nur die schönsten behielten und die anderen auf die Erde fallen ließen. Angeblich werden sie von Bauern beim Pflügen auf den Feldern gefunden. Andere halten sie für Würmer, die einst unter der Erde lebten und sich bei Berührung durch Menschen oder bei Einwirken von Sonnenlicht zu Stein verwandelten. Auch Gesar, der mythische Held, soll angeblich große Mengen von Steinen erbeutet und nach Tibet gebracht haben.

Nach Meinung von Fachleuten handelt es sich bei den wenigen echten mineralischen Steinen um geätzte Karneole und Achate. Durch das Auftragen der gewünschten Muster mit einer alkalischen Substanz, z.B. Soda, und die nachfolgende Erhitzung werden die bedeckten Stellen hell. Umgekehrt können mit Hilfe von Kupfernitrat dunkle Zeichnungen hervorgerufen werden. Solcherart behandelte Steine fand man schon bei archäologischen Grabungen der 4000 Jahre alten Induskultur im heutigen Pakistan.

Auch Metalle gelten als Energieträger und stehen mit Planeten und Elementen in Beziehung. Gold verkörpert das männliche Prinzip und Feuer und ist das Symbol der Sonne; Silber steht für das Weibliche, für Wasser und für den Mond. Die meisten tibetischen Schmuckstücke waren aus Silber oder einer Silber-Gold-Legierung gefertigt, da reines Gold den Göttern, Adeligen und höheren Beamten vorbehalten war.

Während Schmucksteine im gesamten tibetischen Kulturraum dieselbe Bedeutung und Funktion haben, entwickelten sich die Schmuckformen in den einzelnen Landesteilen unterschiedlich. Jede Provinz, ja jedes Gebiet bevorzugte bestimmte Arten von Kopfschmuck, Ohrgehängen und Gürteln, sowie Mustern auf Kleidern und Schürzen.

Manche Gebrauchsgegenstände, wie Feuerzeuge, Geldbörsen, Nadelbehälter, Ess- und Kosmetikbestecke und Melkhaken, wurden im Laufe der Zeit zu reich verzierten Schmuckstücken. Bestes Beispiel dafür sind die Melkhaken, die heute ihre eigentliche Funktion oft verloren haben und nur mehr der Zierde dienen. Geformt wie ein Anker ist der Melkhaken am oberen Ende mit dem Gürtel verbunden. Ursprünglich wurde der lederne Melkeimer daran gehängt, um ein Umkippen zu vermeiden.

Im buddhistischen Weltbild hat der menschliche Körper Energiezentren (Skt. cakras), die mit den Elementen, Farben, Himmelsrichtungen und Dhyanibuddhas in Zusammenhang gebracht werden. Besonders schützenswert ist der Kopf. Dort befindet sich das Gehirncakra, dazu kommen Körperöffnungen, durch die böse Kräfte leicht eindringen bzw. die Schattenseele (siehe „Türkis“) den Körper verlassen kann. Frauen im Gebiet von Derge tragen auch heute noch eine Bernsteinscheibe mit einer Koralle im Zentrum auf der Stirn. Junge Nomadenfrauen aus Amdo schmücken sich mit einem breiten Stirnband mit Korallen und Bernsteinkugeln, „gorji“ genannt. Am aufwendigsten war der Kopfschmuck der verheirateten Frauen aus der Zentralprovinz Tsang und aus Lhasa. Bei Festen trugen sie ein hohes Gerüst auf dem Kopf, das mit Schmucksteinen und Perlenschnüren besetzt war. Nach Tucci hieß dieser Aufbau in Lhasa „patrik“ und in Tsang „pakor“.

Oft reicht Schmuck als magischer Schutz des Hauptes und der Cakren entlang der Wirbelsäule vom Kopf bis zur Taille. Dazu gehören Schmuckbänder wie sie bei den Nomaden in Nord- und Osttibet üblich sind. In manchen Gegenden Amdos heißt dieser Rückenschmuck „rawa“. Er besteht aus roter, mit farbigen Streifen bestickter Seide und ist am Scheitel in das Haar eingeflochten. An der Seide sind große und kleine Silberscheiben mit Korallen befestigt. Der Stoffstreifen endet in roten Quasten.

Der bekannteste Rückenschmuck ist sicher der Perak im westtibetischen Ladakh. Seinen Namen hat er von „per“, dem ladakhischen Wort für Türkis, das wahrscheinlich aus dem Iranischen stammt. Der Perak besteht aus einem langen, mit rotem Stoff bespannten Filzband und reicht von der Stirn bis zur Taille. Er ist dicht mit Türkisen unterschiedlicher Qualität, aber auch mit Karneolen und Achaten besetzt. Die schönsten Steine und silberne Amulettkästchen befinden sich am oberen Ende. Oft ist der Perak im Rückenbereich mit einem zweiten, schmäleren Textilstreifen, auf dem Korallen aufgenäht sind, verbunden. Auf Zanskar-Peraks befinden sich links und rechts schmale, mit Korallen besetzte Stoffstücke. Ersparnisse werden in neue Edelsteine für den Perak investiert, in schlechten Zeiten können Steine verkauft werden. Der Familienperak geht nach traditionellem Erbrecht bei der Hochzeit an die älteste Tochter.

Das Außergewöhnliche an diesem Schmuckstück sind zwei große, abstehende Ohrklappen aus schwarzem Schaffell. Der Legende nach soll das auf eine ladakhische Königin zurückgehen, die sich wegen ihrer Ohrenschmerzen vor der Kälte schützen wollte. Nach anderer Meinung soll der Perak eine Schlange, eine aufgerichtete Kobra mit gespreiztem Hals darstellen. Schlangen gelten als Hüter der Schätze und als Quelle von Kraft und Energie.

Besonders geschmückt und dadurch auch magisch geschützt werden muss auch das Haupthaar als Sitz der Lebenskraft. Tibeter tragen ihr Haar daher stets lang. Nur Mönche schneiden es als Zeichen ihrer Entsagung vom Weltlichen. Haare von als heilig angesehenen Personen gelten als kraftvolle Reliquien für Amulettkästchen. Frauen verlängern ihre Zöpfe mit schwarzen und roten Wollbändern. Viele Nomadenfrauen, z.B. die Golok in Amdo, flechten ihr Haar in 108 Zöpfchen, 108 ist die heilige Zahl im Buddhismus. Diese Zöpfchen enden meist in einem breiten, mit Korallen und Türkisen besetzten Schmuckband. Zusätzlich schmücken sie ihren Kopf mit Schmuckbändern oder Silberplatten besetzt mit Türkisen, Korallen und Amberkugeln. Bei den Khampa im Osten flechten auch die Männer ihr Haar zu einem langen Zopf, der oft mit roten Wollbändern und eingeflochtenen Silberringen mit Türkisen und Korallen oder mit Elfenbeinscheiben verziert wird.

Im gesamten tibetischen Kulturbereich werden schwere silberne Ohrringe mit Korallen und Türkisen getragen. Große Ohrgehänge vergrößern das Ohrläppchen, und lange Ohrläppchen sind eines der Kennzeichen Buddhas, der als Fürst solch schweren Ohrschmuck trug. Wegen ihres Gewichts werden sie jedoch oft am Ohr aufgehängt oder mit dem Haar verbunden. Auch Männer trugen früher meist einen großen, mit Türkisen besetzten Silberring im linken Ohr.

Vielfältige Halsketten aus Türkisen, Korallen und Gzi schmücken die Brust der Frauen. Oft sind daran kunstvoll gearbeitete Reliquienbehälter befestigt.

Der Unterleib wird durch aufwendig gestaltete Gürtel - oft mit langen silbernen Gürtelgehängen - geschützt. Dazu kommen meist ein Melkhaken, eine Börse, ein Feuerzeug und ein Nadelbehälter. Häufig sind Gürtel und Gehänge auch mit kleinen Muscheln verziert.

Alle Tibeter lieben Schmuck. Wie bestimmte Kleider waren früher auch verschiedene Schmuckformen besonderen Schichten vorbehalten. Rangunterschiede sollten deutlich sichtbar sein. Stieg der Ehemann im Rang, musste die Frau den entsprechend wertvolleren Schmuck bekommen.

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