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Reiterfeste in Tibet


Text und Bilder: Prof. Hans Först


Nomadenfeste im Osten Tibets sind wie eine Zeitreise in die Vergangenheit.

Kleine, weiße Ziele aus Papier werden in den Boden gesteckt. Und dann kommen sie herangebraust, Tibets wilde Reiter, deren Großväter noch gefürchtete Krieger waren. In Zweiergruppen lösen sie sich aus dem Pulk der Pferde, voran einer, der dem nachfolgenden Pferd die Richtung zeigt, denn der Reiter auf dem zweiten Pferd kann sich darum nicht kümmern. Er galoppiert heran, tief über das Pferd gebeugt. Geschickt dreht er die alte Gabelflinte über seinem Körper von einer Hand zur anderen, richtet sie einen kurzen Augenblick auf die kleinen Ziele und drückt ab. Weißer Rauch steigt auf, das Papier ist zerfetzt. Der Reiter stößt einen wilden Schrei aus, die Menschen jubeln.

Die Darbietungen sind wie eine Zeitreise in die Vergangenheit. Heinrich Harrer berichtet in seinem Welterfolg "Sieben Jahre in Tibet" einen solchen Wettbewerb in den 40er Jahren. "Reiten und Schießen sind die Proben, bei denen sie ihre Meisterschaft beweisen sollen, und ich kam aus dem Staunen nicht heraus, als ich ihnen zusah. Sie stehen fast aufrecht im Sattel, und während das Pferd an einer aufgehängten Zielscheibe vorübergaloppiert, schwingen sie ihre Vorderlader mit der rauchenden Lunte über dem Kopf und schießen im rechten Winkel auf die Scheibe. Es ist unwahrscheinlich, wie flink die Tibeter mit der Waffe umgehen."

Danach wird eine Reihe weißer Glücksschleifen auf den Boden gelegt. Wieder galoppieren sie zu zweit heran, wie festgewachsen auf ihren schnellen Pferden. Tief hängt der zweite Reiter seitlich herunter. Jetzt kommt es auf seine Geschicklichkeit und seinen Mut an. Mit der Rechten berührt er den Boden, erwischt ein, zwei Schleifen, stößt einen wilden Schrei aus, wirbelt sie um seinen Kopf, und schon ist er vorbei. Die Zuschauer fiebern mit, atmen auf, jubeln.

Es ist erstaunlich, wie farbig die Menge ist. Frauen in Brokatgewändern, mit Türkis-, Korallen- und Amberschmuck behangen, die kleinen Töchter als Miniaturausgaben ihrer stolzen Mütter. Vieles ist leider nur mehr billige Imitation. Doch der traditionelle Schmuck, ob alt oder neu, dokumentiert ein erstaunliches Festhalten an ihrer Identität - auch nach 50 Jahren chinesischer Besetzung.

Die Männer, Nachfahren der gefürchteten Golok-Nomaden, tragen weiße Hemden und mit Fellen verbrämte Festtagschubas, bei denen man nur in den linken Ärmel schlüpft, um die rechte hand frei bewegen zu können. Ihre Haare haben sie mit Strähnen aus roter oder schwarzer Wolle verlängert und den Zopf mit Silberringen und Korallen geschmückt. Im Gürtel steckt ein Messer, auf dem Kopf sitzt ein breitkrempiger Hut - und neuerdings trägt ein Nomade, der auf sich hält, Sonnenbrillen!

Obwohl inzwischen viele junge Nomaden auf Motorräder umgestiegen sind, gehört ihre wahre Leidenschaft nach wie vor den Pferden. Pferde spielten in der Geschichte Tibets und im Mythos eine wichtige Rolle. Bei den traditionellen Nomadenfesten wird die Rolle des Pferdes als Kriegs- und Jagdtier wieder lebendig. Nach Jahren des Verbots dürfen solche Reiterfeste jetzt wieder in den Nomadengebieten gefeiert werden.

Tibeter lieben diese Feste im Sommer, die ursprünglich der Verehrung der Berggottheiten dienten. Die Natur gönnt den Nomaden nur wenige Wochen im Jahr, in denen sie unbeschwert feiern, ihr hartes, entbehrungsreiches Leben ein wenig vergessen und Eindrücke für den langen Rest des Jahres sammeln können.

Zur Mittagszeit werden die Vorführungen unterbrochen. Die Zuschauer kehren zu ihren weißen Festzelten mit blauen tibetischen Symbolen zurück. Das Zeltlager hat sich in einen riesigen Jahrmarkt verwandelt. Die Tische der kleinen, improvisierten Restaurants sind voll besetzt. Moslemische Uiguren bereiten Nudelgerichte, Momos brutzeln in den Pfannen, selbst gebrautes tibetisches Bier und chinesisches Bier in Flaschen fließt in Strömen. Sängerinnen gehen von Zelt zu Zelt, Bettler sitzen am Wegrand und bitten um Almosen. Chinesische Händler preisen ihre Waren an. Dutzende Billardtische sind unter freiem Himmel aufgebaut und umlagert. Weiße Wolken am Himmel werfen ein Schattenmuster auf das Tal. Staub, Rauch, Singen, Musik aus Kassettenrekordern und Lautsprechern - und ständig Einladungen in die Zelte mit ihrem typischen Geruch, einer Mischung aus Rauch, ranziger Butter und menschlichen Ausdünstungen. Für wenige Tage wird das alte Tibet lebendig!

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